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Zum Jahresende ist Schluss mit dem News-Kanal

ARD-Reform: Warum es falsch ist, tagesschau24 abzuschalten

Gescheiterte Pläne: Der Sender "tagesschau24" - hier ein Blick in den Regieraum beim NDR in Hamburg-Lokstedt - sollte zum "deutschen CNN" ausgebaut werden. Stattdessen wird er zum Jahresende 2026 eingestellt.
Gescheiterte Pläne: Der Sender "tagesschau24" - hier ein Blick in den Regieraum beim NDR in Hamburg-Lokstedt - sollte zum "deutschen CNN" ausgebaut werden. Stattdessen wird er zum Jahresende 2026 eingestellt.

Hannover. Aus. Das war’s. Der TV-Sender tagesschau24 wird zum Jahresende Geschichte sein. Die ARD zieht den Stecker. Der gerade in Kraft getretene Reformstaatsvertrag zwingt die Öffentlich-Rechtlichen, die Zahl ihrer linearen Schwesterkanäle zu reduzieren. Getroffen hat es nun den Nachrichtenkanal tagesschau24 sowie ARD-alpha und One.

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Drei ARD-Sender also werden gestrichen - und null ZDF-Sender. Auf den ersten Blick wirkt das vernünftig. Die tagesschau24-Inhalte sollen in Phoenix aufgehen, ZDFinfo und ZDFneo werden Gemeinschaftssender. „Da kommt das Beste aus beiden Welten zusammen“, freut sich der frisch wiedergewählte ZDF-Intendant Norbert Himmler.

„Adresse für Breaking-News-Lagen": Die damalige ARD-Vorsitzende und rbb-Intendantin Patricia Schlesinger wollte den Nachrichtensender tagesschau24 im Jahr 2022 kostenneutral zum „deutschen CNN" aufwerten. Wenige Monate später versank sie in einem Skandal um Verschwendung von Gebührengeld.
„Adresse für Breaking-News-Lagen": Die damalige ARD-Vorsitzende und rbb-Intendantin Patricia Schlesinger wollte den Nachrichtensender tagesschau24 im Jahr 2022 kostenneutral zum „deutschen CNN" aufwerten. Wenige Monate später versank sie in einem Skandal um Verschwendung von Gebührengeld.

Doch die Entscheidung ist falsch. Noch vor wenigen Jahren hatte die ARD große Pläne für tagesschau24. Der Sender sollte zum „deutschen CNN” ausgebaut werden, zur „ersten Adresse für Breaking-News-Lagen“. „Damit stärken wir die Informations­kompetenz und ­Legitimation der gesamten ARD", versprach sich die damalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger. „Wenn nicht jetzt, wann dann, und wenn nicht wir, wer sonst?“, fragte der damalige NDR-Intendant Joachim Knuth.

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Ein Newssender hätte enorme Chancen geboten

Es kam dann anders. Schlesinger löste einen Raffgier-Skandal aus, die ARD versank im Affärenstrudel. Und das „deutsche CNN” war als Schlesinger-Lieblingsprojekt verbrannt. Dabei hätte ein ambitionierter Nachrichtensender, der mehr ist als eine billige Abspielstation für Archivdokus, enorme Chancen geboten. Immer wieder muss sich die ARD anhören, als milliardenschweres Vollprogramm zu spät, zu knapp oder gar nicht auf „Breaking News“ zu reagieren - bei der Flutkatastrophe im Ahrtal, beim Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021 oder beim Brand von No­tre-Dame. Das wäre vorbei.

Bräuchte es in digitalen Zeiten überhaupt noch einen linearen Newskanal? Gewiss. Denn erstens suchen Zuschauer bei großen Krisenlagen weiterhin Echtzeit-Informationen im guten, alten Fernsehen und keine dürre Text-Bauchbinde im Ersten. Und zweitens haben ARD und ZDF bisher noch keine klare Idee, wie sie Live-News sinnvoll in ihre Mediatheken einbinden wollen - außer dort unsortierten Infosalat anzubieten.

Man spart da, wo es nicht wehtut

Und was weder ARD noch ZDF klar sagen: Mit ARD Alpha und One fallen zwei sehr günstige Spartensender weg (Jahresetat kombiniert: 80,7 Millionen Euro). Ihre verbleibenden ZDF-Pendants ZDFinfo und neo sind fast sechsmal so teuer. Man spart also lieber da, wo es nicht so heftig schmerzt. Und vergibt sehenden Auges die Chance, einen Wunsch von Millionen Zuschauern zu erfüllen: eine verlässliche, öffentlich-rechtliche 24-Stunden-Quelle für aktuelle TV-Nachrichten.

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Stattdessen bleibt nun Phoenix erhalten, das zähe Parlamentsfernsehen für die Berliner Bubble. Mehr noch: Auch die beiden Kultursender arte und 3sat soll es weiter parallel geben. Lieber beschneidet die ARD eine ihrer wichtigsten Legitimationskompetenzen und eine ihrer stärksten Marken: die „Tagesschau“. Das trägt Züge von freiwilliger Selbstaufgabe.

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