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Das Phänomen Harry Styles erklärt

Queere Ikone oder cleveres Marketing?

Popstar Harry Styles.
Popstar Harry Styles.

Hannover. Wenn Harry Styles irgendwo auftaucht, dann folgt meistens eine Schlagzeile. Nicht selten hat sein extravagantes Outfit damit zu tun, manchmal wird auch über Liebesbeziehungen spekuliert, die der Sänger angeblich führt. Häufig sind es aber auch die lustigen Momente auf den Bühnen, auf denen er spielt: Bei seinen Konzerten interagiert Styles liebend gern mit seinen Fans.

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Dieser Tage ist Harry Styles in den letzten Zügen seiner großen „Love On“-Tour und kam dafür auch nach Deutschland. Im Frankfurter Waldstadion waren bei den beiden Konzerten Anfang Juli jeweils rund 40.000 Fans dabei.

Spätestens diese Tour hat gezeigt: Der 29 Jahre alte Brite ist auch hierzulande längst ein absoluter Superstar – wenn nicht sogar der größte unserer Zeit. Konzerte sind innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, was auch immer der Musiker tut, es wird aufgeregt besprochen. In einem aktuellen Fall etwa lud Styles die Tennisspielerin Elina Svitolina persönlich zu einem Auftritt ein, weil diese wegen Wimbledon ein Harry-Styles-Konzert verpasst hatte.

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Bekannt ist Styles zugleich als Ikone der queeren Community. Nicht zuletzt wegen seines genderfluiden Modestils gilt er als einer ihrer größten Unterstützer. Und dennoch mehrt sich inzwischen auch die Kritik an dem Sänger – nicht zuletzt aus der LGBTQIA+-Community selbst.

Was muss man über Harry Styles wissen? Was steckt hinter dem Phänomen? Und wie ist dieser große Hype zu erklären? Ein Guide für Anfänger.

Harry Styles: Wer ist das überhaupt?

Dass Harry Styles einmal zu einem der größten Popstars unserer Zeit aufsteigen würde, ist 2010, bei seinem Karrierestart, noch nicht so recht absehbar. Da tritt der damals erst 16-Jährige aus Redditch bei Birmingham in der Castingshow „The X-Factor“ auf. Er und vier weitere Jungs bilden innerhalb der Show eine Band, gewinnen den Wettbewerb aber nicht einmal. Trotzdem unterschreiben sie kurz darauf einen Plattenvertrag über 2 Millionen Pfund bei Sony Music. Es ist die Geburtsstunde der Boyband One Direction.

In den 2010er-Jahren ist Styles mit der Band enorm erfolgreich, liefert Ohrwürmer wie „What Makes You Beautiful“, landet einen Nummer-eins-Hit nach dem anderen. 2015 einigt man sich schließlich auf eine Bandpause, die bis heute nicht beendet wurde. Es ist die typische Boyband-Karriere: großer Ruhm auf Zeit, der irgendwann verfliegt.

Außer eben bei Harry Styles. Das vorläufige Ende von One Direction ist auch der Beginn von etwas Neuem, etwas Großem: seiner eigenen Solokarriere. Eine Karriere, die später Musikgeschichte schreiben wird.

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Neue Wege als Solokünstler

Ist der Brite bei One Direction noch der klassische Boyband-Schönling mit Justin-Bieber-Frisur, der niemals aneckt, bestreitet Styles als Solokünstler überraschend neue Wege. Sein erster Solohit „Sign of the Times“ ist eine Rockballade, die deutlich erwachsener und kantiger klingt als seine früheren Feelgood-Boygroup-Hits. Auch im Musikvideo zum Song zeigt sich Styles von einer neuen Seite: Hier schwebt der Sänger in Wollpulli und Mantel über die schottische Isle of Skye.

Bekannt für ungewöhnliche Outfits: der britische Popstar Harry Styles.
Bekannt für ungewöhnliche Outfits: der britische Popstar Harry Styles.

Der Song erreicht Platz eins der britischen Charts, kurz darauf erscheint Styles‘ Debütalbum, das seinen Namen trägt. Spätere Songs wie „Lights up“, „Watermelon Sugar“ und „Adore You“ werden zu Megahits, das Album „Fine Line“ (2019) schafft es im Vereinigten Königreich auf Platz zwei, in den USA sogar auf Platz eins der Charts.

Styles‘ drittes Studioalbum „Harry‘s House“ (2022) bricht schließlich alle Rekorde. Diesmal gelingt ihm auch der endgültige Durchbruch in Deutschland, wo das Album erstmals die Spitze der Charts erklimmt. Der Sänger gewinnt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter Grammys, Brits und ARIAs. Der Song „As It Was“ hält innerhalb weniger Tage einen Weltrekord für tägliche Streams auf mehreren Plattformen und debütierte in der ersten Woche mit 43,8 Millionen Wiedergaben.

Harry Styles, das Marketinggenie

Neben Ohrwurmhits prägt Harry Styles’ Karriere aber noch etwas anderes von Anfang an: ausgeklügeltes Marketing. Als der Sänger 2019 seinen Song „Adore You“ veröffentlicht, erfinden Styles und sein Marketingteam eine fiktive Insel namens „Eroda“ und bewerben diese in den sozialen Netzwerken als Tourismusdestination – selbst eine eigene Website erhält der idyllische Ort am Meer, der eigentlich gar nicht existiert. Erst später wird aufgeklärt, was es mit „Eroda“ auf sich hat: Es ist der fiktive Ort, an dem das Musikvideo zu „Adore you“ spielt.

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Auch auf der Bühne setzt der Sänger auf Wiedererkennungswert. Bekannt ist der Musiker – neben diversen Signature-Moves – auch für seine ungewöhnliche Nähe zu seinen Fans. Auf Konzerten geht er immer wieder auf diese ein, was zu jeder Menge lustiger, millionenfach geklickter Clips in den sozialen Netzwerken führt.

In einem etwa spricht Styles ein Mädchen direkt an, weil es besonders laut kreischt. Auch liest Styles immer wieder die selbst gemalten Schilder seiner Fans. „Bin ich zu alt, um ein Harry-Styles-Fan zu sein?“, steht etwa auf dem Schild einer Frau geschrieben. Der Brite liest das Schild und antwortet auf der Bühne: „Never!“ Einmal, als Styles bemerkt, dass es einem Fan vor der Bühne nicht gut geht, stoppt er die Band und lässt das Licht anschalten, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.

Seid nett zueinander

Sogar ein eigenes Motto hat der 29-Jährige über die Jahre entwickelt: „TPWK“, kurz für: „Treat People With Kindness“ (Behandle Menschen mit Freundlichkeit).

Erstmals sang Styles die Zeile in einem Song seines Albums „Fine Line“. Inzwischen verkauft der Sänger auch Merchandise mit dem Spruch – das eingenommene Geld fließt an Wohltätigkeitsorganisationen.

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Für Fans ist TPWK längst mehr als einfach nur ein Werbespruch. Er ist ein Zeichen für Respekt, den auch die Fans untereinander pflegen. Die „Harries“, wie sich die Fans selbst nennen, setzen betont auf Toleranz und Gemeinschaft. Und das wiederum passt auch ganz wunderbar mit Styles‘ wohl wichtigster Eigenschaft zusammen: der betonten Andersartigkeit.

Ein Modestil, der Geschlechterrollen aufbricht

Kurz nach Ende seiner Boyband-Karriere beginnt der Sänger, sich immer bunter, immer extravaganter zu kleiden. Bald wird der Brite zur Stilikone, zum Symbolbild des modernen Mannes, der von Geschlechterrollen gar nichts hält. Immer häufiger schlüpft Styles in Blusen, in Kleider, lässt sich mit Federboas und pinken Oberteilen ablichten, experimentiert mit Schmuck und lackierten Fingernägeln.

Vorreiter ist Styles damit nicht. Nicht selten wird der Sänger in Medien mit Rocklegende David Bowie verglichen. Dieser hatte schon in den Siebzigerjahren mit mutigen Modeerscheinungen für bunte Bilder gesorgt, etwa 1970, als er auf dem Cover seines Albums „The Man Who Sold the World“ ein Kleid trug.

Fans sehen in Styles’ Kleidungsstil aber mehr. Für sie bedeuten die bunten Outfits des Sängers vor allem eins: Du bist okay, wie du aussiehst, du bist okay, wer du bist. Schon 2017 sagte der Musiker der britischen „Sun“ unmissverständlich: „Jede Person sollte so sein, wie sie möchte.“

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Selbstliebe als Geschäftsmodell

Nicht zuletzt deshalb werden Harry-Styles-Konzerte heute häufig als große „Safe-Spaces“ bezeichnet. Die „Harries“ sind divers, auf Konzerten des Sängers ist betont jeder willkommen. „Ich habe mich lange nicht mehr so sehr in meiner Queerness bestätigt gefühlt wie dort“, schrieb etwa die Journalistin Aamika Khan 2018 in einem Beitrag für das US-Magazin „Them“. Einmal half Harry Styles sogar einem Fan, sich vor ihrer Mutter zu outen. Auf der Bühne rief er laut den Satz: „Tina, sie ist lesbisch.“

Solche Dynamiken sind nicht ganz ungewöhnlich. Auch andere Künstler, etwa im K-Pop-Genre, setzen auf die große Erzählung von Toleranz und Selbstliebe: Immer wieder engagieren sich Bands für Belange der LGBTQIA+-Community, sammeln Geld für benachteiligte Gruppen und sprechen über Body Positivity. Ihre Fans nehmen das dankend an: Die Fandoms der Bands sind bunt, finden über ihr gemeinsames Hobby und ihre Nische Freunde in der ganzen Welt und gewinnen letztendlich das große Gefühl, nicht allein zu sein.

Selbst allerdings verkörpern die Protagonistinnen und Protagonisten auf der Bühne nur selten die Randgruppe. Sie alle sind strahlend schön – und lassen sich häufig schon in jungen Jahren dafür unters Messer legen. Zudem sind nahezu alle Stars betont heterosexuell und natürlich Single.

Die ungeoutete Queer-Ikone

Bei Harry Styles wirkt das große Versprechen irgendwie authentischer. 2020 schafft es der Brite wegen seines außergewöhnlichen Stils als erster Mann überhaupt auf das Cover des US-amerikanischen „Vogue“-Magazins. Die Titelgeschichte zeigt Styles in einem bodenlangen Kleid, entworfen von Alessando Michele von Gucci, gepaart mit einer maßgeschneiderten Smokingjacke. Zudem posiert er oben ohne in einem Rock im Kilt-Stil von Chopova Lowena.

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Styles ist zu diesem Zeitpunkt einer der wenigen Mainstreamkünstler, die Geschlechterrollen aktiv infrage stellen, und nicht nur davon reden. Rechte und Konservative in den USA bringt das derart auf die Palme, dass sie in den sozialen Netzwerken eine Kampagne gegen den Sänger starten – es brauche wieder „echte Männer“, heißt es da.

Doch Kritik wird auch innerhalb der LGBTQIA+-Community geübt. Über seine eigene Sexualität nämlich schweigt sich der Brite grundsätzlich aus. Nicht wenige werfen dem Sänger daher vor, sogenanntes „Queerbaiting“ zu betreiben. Darunter versteht man etwa, wenn heterosexuelle Männer die Stilmittel der queeren Community nutzen, um sie für Marketingzwecke auszuschlachten. Viel mehr verdient hätten das „Vogue“-Cover daher queere Ikonen wie etwa der offen schwule Rapper Lil Nas X.

Nur cleveres Marketing?

So sehr Harry Styles auch mit seinem Outfit anecken mag – in Interviews und öffentlichen Statements tut er das grundsätzlich nicht. Fast nie äußert sich der Sänger politisch – und auch auf die Vorwürfe antwortet der Sänger nur rudimentär.

Gegenüber dem „Rolling Stone“ erklärt Styles im August 2022, dass er grundsätzlich nicht über sein Privatleben spreche. Paparazzi hätten immer wieder Fotos veröffentlicht, die ihn mit Frauen zeigen – er selbst habe Liebesbeziehungen aber nie öffentlich gemacht. Zuletzt berichtete die Klatschpresse von einer Beziehung zur Schauspielerin Olivia Wilde, von der er inzwischen getrennt sei.

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In einem Interview mit „Better Homes & Gardens“ im April vergangenen Jahres betont Styles, es sei nicht mehr notwendig, die eigene Sexualität zu definieren – das sei „veraltet“. „Es spielt keine Rolle, und es geht darum, nicht alles kennzeichnen zu müssen, nicht erklären zu müssen, welche Kästchen man ankreuzt“, sagt er dem Magazin.

Man kann das als besonders fortschriftliche Einstellung deuten, als richtigen Schritt in Richtung Zukunft. Vielleicht macht es sich der Sänger damit aber auch sehr einfach. Bleibt man in allem so vage wie möglich, bleibt die Angriffsfläche klein. Gleichzeitig sorgt das Aufbauen eines gewissen Mythos, und sei es nur um die eigene Sexualität, den größtmöglichen Marketingeffekt. Und Marketing, das wissen wir ja nun, das beherrscht Harry Styles ganz ausgezeichnet.

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